Riesenmaulhai

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Übertrieben. Groß. Maulig.

Die geheime Fehde

Es war mal so schön für Hinz und Kunz.

Ein mittelmäßiges Leben ließ sich führen, unbeirrt und ungescholten, ohne viel Neid, ohne Missgunst, die sächsische Provinz lehrt eben eine gewisse Genügsamkeit. Aber mit der Wende kam das Ende dieser so unbeschwerten Zeit. Es kamen die Wessies.

Herr und Frau Mustermann waren Kosmopoliten allererster Garde. Nicht nur, dass sie wirklich jede Idiotentelefon-, Konto-, Kreditkarten- und Sonstwasnummer hatten, nein, ihre ganze Familie ist an Schnapszahl-Tagen geboren worden, sie waren so unglaublich reich, dass sie jedem ihre Kreditkarte ins frisch gekaufte Portemoinnae steckten. Sie lebten immer am ersten Haus am Platz, nicht nur die Straße, auch die Stadt in der sie wohnten wurde stets nach ihnen benannt. Das war keine Familie wie im Bilderbuch, alle Bilderbücher haben von dieser Familie abgeschrieben. Familie Mustermann zeigte, was sie vom Pöbel hielt. Der Zorn dafür wuchs in Hinz, die Wut darauf köchelte in Kunz.

„Auch die haben ihre Schwachstellen“ hatte Kunz jetzt schon seit fast einem Jahr täglich gesagt, wenn der Klassenfeind mit dem Muster-Passat* vorfuhr. Aber wie sollte man eine solche Schwachstelle in dieser Burg der Herrlichkeit finden? Nun, vielleicht war es Glück, vielleicht Zufall, aber schon bald sollte sich eine Möglichkeit offenbaren sich für die Jahre der Schmähung zu rächen.

Persönliche Überzeugung und Tradition ließen nie einen Zweifel daran aufkommen, dass der jüngste Spross der Familie Mustermann, Erich, den Dienst an der Waffe und für das Vaterland antreten sollte. Eine gewisse Affinität zum schießen hatte er schon immer gehabt, so war er zum Karneval seit Jahren stets als Cowboy gegangen, und an seinem Vierzehnten in den Schützenverein eingetreten. Die abenteuerlichen und heldenhaften Geschichten seines Vates und dessen Vaters hatten in ihm immer eine besondere Form der Aufregung geweckt. So nimmt es natürlich nicht weiter Wunder, dass die Nervosität immens war, als der Tag der – natürlich nach der Familie benannten – Musterung anstand. Denn, das wusste der athletische Erich sehr wohl, wer hier nicht besteht, der ist kein Mann, und schon gar nicht ein Mustermann – im übrigen eine Phrase, die sein Großvater Maximilian Senior oft und gern wiederholte. Nur konnte er dies nicht wissen: Der untersuchende Arzt im örtlichen Kreiswehrersatzamt war tatsächlich einfach nur irgendwer. Der blinde Fleck im Auge der Gesellschaft: Hinz.

Und was war es ihm für eine Genugtuung. Was bereitete es ihm für eine diebische Freude den Jungen zu quälen und zu traktieren. Diese Untersuchungen gelten ja gemeinhin als nicht besonders würdevoll, aber Hinz gab sich wirklich noch die allergrößte Mühe den Jungen zu behandeln wie ein wertloses Stück Vieh. Gerade achtzehn Jahre alt geworden wuchs die Anspannung in dem arglosen Jungen ins Unermessliche. Als Hinz ihn aber einen getürkten Farbenblinheits-Test machen ließ (Erich war angehalten eine Zahl zu erkennen, die es jedoch in dem Punktemeer des Tests gar nicht gab) und dazu drohte, der Junge würde als ‚untauglich‘ eingestuft werden, wenn sich bei ihm eine erblich** bedingte Farbenblindheit herausstellen würde, war die Erregung in der bis zum zerreißen angespannten Brust des Jungen nicht mehr zu ertragen – und er ließ sich einfach fallen. Er ließ laufen. Er schloss die Augen und gab sich ganz der wohligen Wärme hin, die ihm langsam die Schenkel hinunterlief.

Hinz hatte fast Mitleid mit dem Jungen, als er das Rezept ausstellte.

Aber die Häme war so süß.

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* Der Passat war natürlich absolutes Understatement

** Was umso grauenvoller war, denn der Junge musste an der Ehrlichkeit seines Vaters und Vatersvaters zweifeln

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