Riesenmaulhai

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Übertrieben. Groß. Maulig.

Unterschiede

Es beginnt in irgendeiner ostdeutschen Kleinstadt, vielleicht in Coswig, eingekeilt zwischen Dresden und Meißen. Kofi, der Protagonist dieser Geschichte, ist West-Afrikaner.
Er ist 21 Jahre alt, und gebildet. Er besuchte in seiner Heimat ein deutsches Institut und wurde wiederholt Jahrgangsbester. Eines Tages gewann er ein Stipendium, dass es ihm erlaubte für zwei Wochen Sprachurlaub in Dresden zu verbringen. Er nutzte diese zwei Wochen für das Klügste das ihm einfiel. Er stellte Asylantrag.
„Es war eine ganz seltsame Situation“ erinnert sich Kofi, „niemand wollte mich wirklich ernst nehmen, weil ich Deutsch sprach. Nach einer Weile erklärte ich aber die Probleme in meiner Heimat, dass Menschen verschwinden, dass kluge Menschen verschwinden, und dass ich in Gefahr bin.“ Man gewährte Kofi Asyl, aber anders als er erhofft hatte, bedeutete das für ihn keine Freiheit. Er durfte nicht in Dresden bleiben, sondern wurde nach Coswig gebracht.
„Hier im Gewerbegebiet, wo die Dresdner Straße zur Meißner Straße wird, hier ist die Grenze. An dieser Haltestelle müssen wir aussteigen. Weiter dürfen wir nicht. Wir können hier in Coswig nur eine Haltestelle weit fahren.“ Was viele Einheimische nicht wissen: Der Aufenthaltstitel eines Asylbewerbers ist nicht auf die gesamte Bundesrepublik, sondern lediglich auf einen Kreis beschränkt. „Residenzpflicht“ heißt das. Die Bewerber im Asylbewerberheim in Coswig dürfen also weder nach Meißen, noch nach Dresden.
Fast zwei Jahre hielt er sich an die Regeln, konnte er nicht arbeiten, legte er seine Tage irgendwie um. „Es ist wie wenn man nicht einschlafen kann. Man weiß, dass irgendwann das Morgen, die Zukunft kommen wird und das Warten endet, aber es passiert einfach nichts. Und jeder Monat, jeder Tag fühlt sich an wie sich frustriert auf die andere Seite zu wälzen.“
Eines Tages lernte Kofi ein Mädchen kennen. Sie war aus Andorra, und sie hieß Melitta, hatte also an eigener Pore erfahren, was Ausgrenzung bedeutet. Die junge Andorranerin war abenteuerlustig, und rannte bei Kofi selbstverständlich offene Türen ein, als sie ihn zu einem Kurztrip nach Dresden überredete. „Wir wollten mit dem Bus fahren, und Melitta, die abgebrühte, hatte einen guten Plan.“ Kofi trug an diesem Tag eine Kapuze und stieg mit Melitta knutschend an der eigentlichen „Endhaltestelle“ ein. Leider durchschaute der Busfahrer das Schauspiel und bat – ganz nach Vorschrift, und ganz in seiner sächsischen Art – nach dem Ausweis des Afrikaners.
„Der is doch ausm Tögo!“ spuckte er.
„Nur weil er schwarz ist?“ entgegnete Melitta.
„Babiere her!“ spuckte der Busfahrer – unterdessen ganz und gar zum Nazi zurückgebildet – erneut.
„Nur weil ich schwarz bin?“ fragte Kofi.
„Rischtisch. Nur weil du’n Schwatter bist!“
Auch Melitta konnte die Bitterkeit nicht aus ihm herausfiltern. Jetzt war Kofi klar: Wenn er nach Dresden wollte, musste er laufen.
(Hahaha! Sprachurlaub! Dresden! Hahaha. Ha.)
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