Riesenmaulhai

Icon

Übertrieben. Groß. Maulig.

Schal

Sechzig werden. Für Scheering ein drohendes Desaster.
Die Zigarren schmecken schon lange nicht mehr, ebenso wie der Cognac. „Schal“ schmeckte es. „Schal“ war ohnehin ein Wort geworden, das er viel zu häufig zu verwenden gelernt hatte. „Schal“ war ihm der Geschmack des Lebens geworden. Ein bitterer Geschmack, ganz weit hinten auf der Zunge, mit noch so viel teurem Cognac nicht wegzuspülen.
Früher war es anders gewesen. Er ist nicht so töricht zu behaupten, früher sei es besser gewesen, und natürlich nicht einfacher. Aber – und bei dem Gedanken wird er zornig und drückt die Finger tief in das Leder seines Sessels – früher hatte er selbst bestimmen können. Da waren es seine Entscheidungen, die die ‚Van Laas & Scheering‘ zu einer festen Größe in der Werbebranche gemacht hatten, da war es sein dickköpfiger Wille, der ihn schließlich seinen Namen neben den des Gründers hatte setzen lassen. Früher, da hatte er seine Abende noch selbst bestimmen können, konnte er sich jede Nacht aufs Neue in das stürzen, was ihm heute so sehr fehlte – Leben. Es einfach versuchen? Ausgehen? Ach, wie lange müsste er sich rechtfertigen vor der, die er mal „Ehefrau“ genannt hatte, die er mal „Liebste“ genannt hatte, die scheinbar nur noch auf die Konservierung des Lebens aus war, nicht auf das erleben dessen. Aber der Versuch würde vielleicht wenigstens diese verdammte Stille unterbrechen. Es muss eine Woche her sein, seit sie zwischen Feierabend und dem morgendlichen Klingeln des Weckers ein Wort gewechselt hatten. Oder waren es zwei? Er wusste es nicht. Es interessierte ihn nicht. Denn alles um ihn war jetzt ’schal‘. Die diktierte Abendunterhaltung im Fernsehen widerte ihn an. Der riesige Fernseher widerte ihn an. Der immer gleiche Cognac, die immer gleiche Zigarre, aufbewahrt bei steter Temperatur, bei steter Luftfeuchtigkeit, widerte ihn an. Ein unveränderbares, unangreifbares Nichts, seichte, siechende Bedeutungslosigkeit die ihn zu ersticken drohte. Langsam. Still. Fast unbemerkt.
Aber Scheering ist nicht irgendwer. Scheering merkt das.
Morgen soll er sechzig werden, da werden sie beginnen ihn auszubooten, werden von Ruhestand sprechen und einem Schiff. Aber – Ha! – es war die Zeit gekommen, sich zu beweisen. Vor den Jungen, die nach seinem Posten gierten, nach seinem Jahresgehalt und seinen Bonuszahlungen. Er würde es ihnen zeigen. Er, der Alte, dem man, um ihm die Anstrengung zu ersparen, die Tür aufhält wie einer Frau. Entmännlicht hatten sie ihn. Aber das würde er sich nicht länger gefallen lassen. Nicht er.
Er stand auf, griff nach der Cognac-Flasche, nahm das Glas in die Hand und stellte es mit so auffälliger wie großer Geste wieder zurück. Und ging. Der sicherlich verwunderte Blick der, die er mal „Ehefrau“ genannt hatte, bestärkte ihn zusätzlich in seiner Entscheidung. Die Stille in seinem Rücken – Pah! – noch immer traute sie sich nicht die schmalen, schalen, schalen, schalen Lippen zum Reden zu bewegen. Nur alt und fett dasitzen konnte sie, später zu Bett gehen und eher aufstehen als er. Alles, nur nicht so nutzlos werden wie sie.
In seinem Büro angekommen, weckten Cognac und Elan auf der Stelle die alten Geister, eröffnete sich das freie Meer der Inspiration vor ihm, er brauchte nur aus den Ideen zu wählen, musste sie nur pflücken wie reife, sündig-rote und sündig-süße Äpfel. Er nahm das Telefon in die Hand und rief im Büro an. Wer auch immer glaubte, er wäre für den Ein-Mann ADAC-Stand morgen am Media-Markt verantwortlich, er würde es nicht mehr sein. Er, der Alt-Chef, Scheering Senior hochselbst, würde sich dafür verantwortlich zeigen. Eine richtige Show würde es geben, das könne sie ruhig so in den Email-Verteiler setzen. Das würde er kontrollieren.
Er legte auf.
Wie stark er sich fühlte.
Wie jung er sich fühlte.
Er nahm einen weiteren großen Schluck vom Cognac, direkt aus der Flasche, wie damals, als er Partner wurde, wie damals als er so spät erst Vater wurde.
Wieder das Telefon. Diesmal die Auskunft. Den ADAC wolle er sprechen. Ja die Zentrale, München, scheißegal wo. Warten. Er brauche einen Hubschrauber. Er grinste. Die Männlichkeit schoss ihm durch die Venen. Ja einen Hubschrauber. Morgen. Morgen früh. Egal wie teuer. Sie sollen ihn erstmal vor dem Laden parken, er würde sich um alles Weitere kümmern. Er lehnte sich zurück.

Zuerst kam der Schreck. Dann ein Lichtblitz. Die Flasche fiel. Zerbarst. Scheering wusste was los war.

Nur wenige Minuten später erlag er seinem Schlaganfall und wurde ebenso leblos wie die, die er einst „Ehefrau“ nannte – beide einige Tage später tot aufgefunden von der, die ihn schon lang nicht mehr ‚Papa‘ nannte.

DSC01010

Und darum stand da einfach so ein Hubschrauber rum, glaub ich.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
(Danke für die Visitenkarten aus Plastik)

Einsortiert unter:Uncategorized